Medizinalcannabis und krankheitsbedingte Fehlzeiten: Was eine neue Umfrage über Arbeit, Alltag und Versorgung zeigt

Krankheitsbedingte Fehlzeiten sind längst nicht mehr nur ein individuelles Problem – sie sind auch ein wirtschaftlicher Faktor. Besonders bei chronischen Erkrankungen können wiederkehrende Beschwerden, Nebenwirkungen von Medikamenten oder langwierige Therapieanpassungen dazu führen, dass Betroffene über Wochen oder sogar Monate im Berufsleben eingeschränkt sind.

Ein aktueller Report des Bundesverbands pharmazeutischer Cannabinoidunternehmen e. V. (BPC) beleuchtet, welche Auswirkungen eine Medizinalcannabis-Therapie aus Sicht von Patient:innen auf krankheitsbedingte Fehltage und den Arbeitsalltag haben kann. Grundlage ist eine große Online-Befragung von Menschen, die bereits medizinisches Cannabis erhalten.

Chronische Erkrankungen als Treiber für lange Ausfallzeiten

Viele Fehltage entstehen nicht durch kurzfristige Infekte, sondern durch langanhaltende Erkrankungen. In Deutschland sind Millionen Menschen chronisch erkrankt und auf eine regelmäßige Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente angewiesen. So nehmen laut Epidemiologischem Suchtsurvey (ESA) knapp zwei Millionen Menschen in Deutschland regelmäßig opioidhaltige Schmerzmittel ein. Auch Antidepressiva und Schlafmittel spielen in der Versorgung eine große Rolle.

Diese Zahlen zeigen: Der Bedarf an wirksamen, gut verträglichen Therapieoptionen ist hoch – und betrifft nicht nur die Gesundheit, sondern häufig auch die Arbeitsfähigkeit.

 

Was der BPC untersucht hat: Datenbasis und Ziel

Für den Report wurde im November 2025 eine anonyme, nicht repräsentative Online-Befragung durchgeführt. Insgesamt nahmen 8.831 Medizinalcannabis-Patient:innen teil – laut BPC die bislang größte Umfrage ihrer Art in Deutschland zu diesem Thema.

Ziel des Reports ist es, erstmals zu quantifizieren, ob und in welchem Umfang Patient:innen nach Beginn einer Cannabis-Therapie von weniger krankheitsbedingten Fehltagen berichten – und welchen potenziellen volkswirtschaftlichen Nutzen das haben könnte.

 

Zentrales Ergebnis: Deutlich weniger Fehltage nach Therapiebeginn

Eines der auffälligsten Ergebnisse ist die Veränderung bei den gemeldeten Krankheitstagen:

  • Vor Beginn der Therapie: durchschnittlich 37,6 Fehltage pro Jahr
  • Nach Beginn der Therapie: durchschnittlich 15,7 Fehltage pro Jahr
  • Das entspricht einer Reduktion um 58,2 %

Der Report ordnet diese Werte als Selbstauskünfte ein, zeigt aber auch, dass die Größenordnung aus Sicht der Forschenden erhebliches Potenzial hat – insbesondere bei chronisch erkrankten Menschen, deren Fehlzeiten oft überdurchschnittlich hoch sind.

 

Hochrechnung: Welche wirtschaftliche Dimension wird daraus abgeleitet?

Der BPC rechnet die berichtete Reduktion auf eine angenommene Patient:innenzahl von rund 800.000 Cannabis-Patient:innen in Deutschland hoch. Daraus ergibt sich eine Modellrechnung, nach der der deutschen Wirtschaft durch reduzierte Krankheitstage zusätzliche Arbeitskraft im Wert von über 3,7 Milliarden Euro jährlich zur Verfügung stehen könnte.

Diese Zahl ist keine „harte“ volkswirtschaftliche Messung, sondern eine Hochrechnung auf Basis von:

  • gemeldeten Fehlzeiten,
  • angenommener Patient:innenzahl,
  • und durchschnittlichem Bruttoeinkommen/Arbeitstag.

Trotzdem zeigt die Rechnung, warum das Thema in der Gesundheitspolitik zunehmend nicht nur medizinisch, sondern auch arbeitsmarkt- und sozialpolitisch diskutiert wird.

Was Patient:innen im Arbeitsalltag berichten: Schlaf, Symptome, Konzentration

Neben der reinen Anzahl an Fehltagen wurden die Befragten auch gefragt, wie sich Medizinalcannabis aus ihrer Sicht im Arbeitsleben auswirkt.

Häufig genannte Punkte sind:

  • 68 % berichten, dass sie häufiger und effektiver arbeiten können, weil sich ihre Schlafqualität verbessert hat.
  • 54,3 % führen eine bessere Arbeitsfähigkeit auf weniger Symptome zurück.
  • 42,1 % sehen eine positive Auswirkung auf die kognitive Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz.

Gleichzeitig fällt auf: Nur ein sehr kleiner Anteil berichtet von negativen Effekten wie Unkonzentriertheit oder Flüchtigkeitsfehlern. Das bedeutet nicht, dass solche Effekte ausgeschlossen sind – aber sie wurden in dieser Befragung vergleichsweise selten genannt.

 

Ein Blick auf die Realität am Arbeitsplatz: Viele vermeiden das Thema

Ein besonders wichtiger Punkt, der in der öffentlichen Diskussion oft untergeht: Stigmatisierung.

Mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, das Thema Medizinalcannabis am Arbeitsplatz komplett zu meiden. Gleichzeitig berichten einige, dass offene Gespräche im Kolleg:innenkreis nicht immer positiv aufgenommen werden.

Das zeigt: Selbst wenn Patient:innen subjektiv Verbesserungen erleben, kann der Umgang mit der Therapie im Arbeitsumfeld weiterhin sensibel sein – und braucht häufig klare Kommunikation, Aufklärung und Vertrauen.

 

Stimme aus der Versorgungspraxis

Der Report legt nahe, dass viele Patient:innen im Alltag von einer besseren Verträglichkeit berichten und teilweise auch andere Medikamente reduzieren konnten – Faktoren, die aus Patient:innensicht mit einer verbesserten Arbeitsfähigkeit zusammenhängen können.

In diesem Zusammenhang ordnet David Henn, Mitglied des BPC und CEO von Cannamedical Pharma, seine Beobachtungen ein:

„Unsere Erfahrung bestätigt, was auch die Daten aus der BPC-Studie zeigen: Cannabis wird von vielen Schmerzpatient:innen deutlich besser vertragen als Opioide. Cannabis ist für viele eine schonendere Behandlungsoption.“

 

Fazit: Arbeitsfähigkeit als neuer Blickwinkel in der Versorgung

Ob Medizinalcannabis im Einzelfall eine passende Therapieoption ist, ist immer eine medizinische Entscheidung – und hängt von vielen Faktoren ab. Der BPC-Report macht jedoch deutlich: Für viele Patient:innen ist die Frage nicht nur „Wie stark sind die Beschwerden?“, sondern auch „Wie gut kann ich meinen Alltag und meinen Job wieder bewältigen?“.

Genau dieser Blickwinkel – Lebensqualität, Teilhabe und Arbeitsfähigkeit – könnte in der Versorgung künftig eine größere Rolle spielen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Therapieentscheidungen sollten immer gemeinsam mit Ärzt:innen getroffen werden. Verträglichkeit und individuelle Reaktionen können von Patient:in zu Patient:in unterschiedlich ausfallen und sollten immer ärztlich begleitet werden.